mit feuer spielen
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Paulinchen

Paulinchen - Paul & Paula

Sollte Ihr Kind mit den schönen Seiten des Feuers noch nicht ausreichend in Berührung gekommen sein, so ist nach meinen bescheidenen Erkenntnissen davor zu warnen, dass Sie Ihrem Kind eines der Kinderbücher zugute kommen lassen, in welchen BRENNENDE MÄDCHEN abgebildet sind.

Das rechts abgebildete Motiv befindet sich im 1845 erschienenen Buch STRUWWELPETER von Dr. HEINRICH HOFFMANN. Es handelt sich um PAULINCHEN im Kapitel DIE GAR TRAURIGE GESCHICHTE MIT DEM FEUERZEUG. PAULINCHEN ist DAS Mädchen wohlgemerkt, welches den Sinn elterlichen Verbots mit eigener Veraschung bezeugt (detaillierte Ausführungen weiter unten).

Weshalb sind mehr als zwei Drittel aller Kinderbilderbücher zum Thema Feuer ausschließlich Feuerwehrbücher? Wieso werden in einzelnen Exemplaren immer wieder Personen in Angst, Schrecken und Panik dargestellt? Warum wird derartiges Material zum Anschauen, Vorlesen und Ausmalen empfohlen? Warum finden sich in Präventionsliteraturempfehlungen so gut wie keine Werke, in welchen die Grundlagen von Beziehung und Erziehung zwischen Mensch und Feuer thematisiert werden, wie z.B bei Bachelard, Frazer, Freudenthal, Mattenklott und Zulliger? Und warum tauchen in manchen Büchern und Heften immer noch Mädchenbrennsequenzen auf? Warum wird eine derart heftige Angsterzeugung nach dem Schema Kind - Kerze - Katastrophe als Prävention verstanden? Warum sollen Jungen und Mädchen, die noch nicht lesen können, derartige Bilder ausmalen? Warum sind überwiegend Mädchen in Verzweiflung, Schrecken und Todesangst abgebildet? Warum malen in meinen bisherigen Workshops nur Mädchen brennende Mädchen?

Für viele Mädchen wurde und wird so das Bild vom brennenden Mädchen zur ersten und sofort schrecklichen Begegnung mit Feuer, zu ihrem Bild von Feuer und Mädchen, zum traumatisierten Verhältnis von Feuer und Mensch - welches sich darin äußert, dass manche fünfjährigen Mädchen in meinen Workshops eben Szenarien eines brennenden Mädchens malen (Abb. siehe unten), und in Befragungen nach Erläuterung ihrer Darstellung sich sodann als das abgebildete brennende Mädchen offenbaren - die Jungs dagegen malen hauptsächlich brennende Häuser gerne in Verbindung mit den in fast allen Kinderbüchern zum Thema Feuer üblichen, dramatisierten Feuerwehrlösch- und -rettungseinsätzen - oder sollen Jungen und Mädchen lernen, dass Mädchen die besseren Brandopfer sind und Jungen die besseren Feuerlöscher?

Ich bin weder Pädagoge noch Psychologe, doch scheint mir die Verwendung von Abbildungen brennender Mädchen zum Zwecke der Prävention nach meinem derzeitigen Kenntnisstand (5-Tage Workshops mit über 500 Fünfjährigen) eine Kindern, insbesondere Mädchen grossangstmachende und daher gänzlichst abzulehnende werden zu müssen.


Cover (l) und letzte Bildseite (r) des Mal- und Vorlesebuchs FUNKI
"Für Eltern zum Vorlesen - Für Kinder zum Ausmalen"
Herausgegeben von
Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb)
Technisch-Wissenschaftler Beirat - Referat 12
"Brandschutzaufklärung und Brandschutzerziehung"
unterstützt durch vier verschiedene Versicherungen

Warum sollen Jungen und Mädchen, die noch nicht lesen können, derartige Bilder ausmalen?
Warum sind überwiegend Mädchen in Verzweiflung (Abb. links - FUNKI S.21), Schrecken (Abb. Mitte -FUNKI S.25) und Todesangst (Abb. rechts - FUNKI S.33, letzte Seite wohlgemerkt!) abgebildet?
Warum malen in meinen bisherigen Workshops nur Mädchen brennende Mädchen?

Milena D. - Wolfsburg-Vorsfelde 2005

Celine K. - Gelsenkirchen 2006

Orla E. - Berlin 2006

Desweiteren suggeriert die Geschichte von Paulinchen den Lesern und Betrachtern, dass selbige selber Schuld ist an ihrem Verbrennen. Doch zur Entstehungszeit des STRUWWELPETER (1845) war es unumgänglich, den Gebrauch von Feuer zu erlernen, denn es zum Kochen, Heizen und Leuchten nichts anderes gab - später dann auch Paulinchen keinen Mann gefunden hätte, wenn sie denn nicht wüßte, auf Feuer zu kochen usw.. Somit es sich im Fall Paulinchen schon damals um eine sträflichste Verletzung elterlicher (Aufsichts)Pflicht handelte, eben ihrer Tochter den sicheren Umgang mit Feuer zu vermittlen.

Desweiteren ist es unmöglich, dass ein Kind in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beim Spielen mit Streichhölzern zum Fanal des körperrückseitig komplett in Flammen stehenden Paulinchens wurde. Allein damalige Bekleidung war keine synthetische, schnell entflammbare, sondern wie auch in den Bildern der Paulinchengeschichte zu sehen ist eben die baumwollene - die auch heute noch allen Menschen beim Feuermachen als zu tragende dringendst empfohlen wird - denn Baumwolle eben nicht derart schnell durchzünden kann, wie das die Abbildung des brennenden Paulinchens im STRUWWELPETER suggeriert - es sei denn: Paulinchens rückseitiger Bekleidungsteil wurde komplett mit Brandbeschleuniger getränkt!

Zwar sei Hoffmann zum Zwecke der Abschreckung im pädagogischen Verständnis des 19. Jahrhunderts diese Erhöhung gegönnt, doch bleiben folgende Tatsachen hinzufügen. Im Allgemeinen konnte es damals keine derartigen Ansichten von brennenden Kindern, insbesondere Mädchen geben, wohl aber im besonderen. Denn zu Lebzeiten Hoffmanns kam es tatsächlich immer wieder zu brennenden Mädchen in öffentlicher Sphäre, Nicht die auch damals noch praktizierten Verbrennungen von MordbrennerInnen, die meist älteren Jahrgangs waren, somit keine Mädchen mehr, und auch die Zeit der Hexenverbrennungen verlor so langsam ihre Augenzeugen, nein, es handelte sich um die auf den Theaterbühnen Europas in Flammen geratenen ELEVINNEN.

Sie allein trugen nämlich aus künstlerischen/tänzerischen Motiven Kostüme aus leicht entflammbaren Materialien, die bei geringster Berührung mit den offenen Flammen der Theaterbühnenbeleuchtung selber zu brennen begannen. Diesbezügliche Erwähnungen sind zu finden in AUGUST FÖLSCH' Untersuchung (1878) über Theaterbrände, in welcher er u.a. folgende Tragödien beschreibt: „In einem Toilettenzimmer entzündete sich während der Vorstellung ein dicht neben den Gasflammen aufgehängtes Garderobenstück, und die hell auflodernde Flamme erfasste sofort die leichten Röcke der anwesenden Tänzerinnen. Eine derselben stürzte in ihrer Verzweiflung mit brennenden Kleidern auf die Bühne zwischen die tanzenden Figurantinnen, Tod und Verderben unter sie verbreitend. Im ganzen wurden bei dieser Schreckenszene nicht weniger als 12 Personen tödtlich verletzt ...“ (Wheatley Continental Theatre in Philadelphia, 17.Sep. 1861) - und so weiter: „Während einer Vorstellung des Balletts „Sardanapal“ in der Wiener Hofoper im Jahre 1870 geriet die 15-jährige Tanz-Elevin Anna Jaksch mit ihrem Tüllröckchen zu nahe an eine Gasflamme. Das Kostüm fing Feuer, und das Mädchen erlitt dabei so schwere Brandwunden, daß es 2 Tage später im Wasserbett starb.“ Es war damals eine leicht entflammbare Angelegenheit, Tänzerin im Theater zu sein. Jede Elevin war eine potentielles Paulinchenmotiv. Manche weigerten sich trotz überlebter Entflammung und Vorschrift vehement auf schwer entflammbare Kostüme zu wechseln, denn in derlei gekleideter Versicherung die Schönheit der Ballettänzerin eben eine geminderte war.*

Desweiteren sind zu empfehlen die Ausführungen zu Mädchen als sexuell motivierte BrandstifterInnen als "Pseudopyromanisches Phänomen" des 18. und 19. Jahrhunderts, zu finden in der Rezension zu WINFRIED BARNETT Psychiatrie der Brandstiftung – Eine psychopathologische Studie anhand von Gutachten, wie auch im PYROPORNO - Untersuchung über Feuer und Sexualität, sowie der im Rahmen des Symposiums KIND und FEUER von Prof. Dr. GERBURG TREUSCH-DIETER gehaltene Vortrag Feuer & Sexualität, in welchem sie hochinteressante Sichten auf das brennende Paulinchen entwickelt.

Paul & Paula

Wenn heute Menschen komplett in Flammen stehen, dann sind es ursächlich entweder militärische und/oder terroristische Brandstiftungen, unfalltechnische oder aus Unwissenheit privat verursachte Schadenbrände. Zu letzteren gehören die kurzzeitigen Inflammensetzungen durch fehlerbehaftetes Anzünden des Grills mit Brennflüssigkeit gerne in Verbindung mit schnell entflammbarer Bekleidung - und gerne mit einem Kind daneben, damit das sieht, wie toll der Erwachsene Feuer macht. Ruckzuck greifen die Flammen auf den Feuermachenden über, somit ein heutiges Paulinchen in jedem Fall körpervorn in Flammen zu stehen hätte, sodann auch PAUL oder PAULA zu heißen hätte und auch nichts mehr in einem Kinderbuch zu suchen hat, sondern in einem Feuerlehrbuch für Erwachsene - denn aus den KIndern, die eben in ihrer Kindheit das Feuermachen nicht gelernt haben, den damaligen "Paulinchen" sind heutige Eltern geworden, welche durch damaliges Erziehungsversäumnis seitens ihrer Eltern, nun zwanzig/dreissig Jahre später sich und ihr eigenes Kind zum Fanal machen - dabei wollten sie doch einfach nur mal den Grill anzünden zwecks simplem Stillen familiärer Freude, gemeinsamen Sein am Feuer samt feuerzubereitetem Essen und Trinken.

* Quelle: Kain Karawahn "Am Anfang brannte Theater ... " In: "Theaterperipherien", Hartmut Fischer (Hrsg.), Tübingen 2001